Start der Pilotphase Gemeinschaftsschule

Die aus den Abgeordnetenhauswahlen im September 2006 hervorgegangene rot-rote Koalition hat sie ermöglicht: die Gemeinschaftsschule. Die Pilotphase Gemeinschaftsschule sollte erproben, wie (weniger ob) integrative und nicht-aussondernde Schulen entwickelt werden können – mit grundsätzlich heterogenen Lerngruppen, also ohne äußere Leistungsdifferenzierung und unter Einbeziehung der Grundstufe, also Jahrgänge 1–10/13.

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Die Anfänge

Start der Pilotphase Gemeinschaftsschule

Lothar Sack

Die aus den Abgeordnetenhauswahlen im September 2006 hervorgegangene rot-rote Koalition hat sie ermöglicht: die Gemeinschaftsschule. Die Pilotphase Gemeinschaftsschule sollte erproben, wie (weniger ob) integrative und nicht-aussondernde Schulen entwickelt werden können – mit grundsätzlich heterogenen Lerngruppen, also ohne äußere Leistungsdifferenzierung und unter Einbeziehung der Grundstufe, also Jahrgänge 1–10/13. Hierzu war eine pädagogisch-inhaltliche Weiterentwicklung ebenso erforderlich wie eine organisatorische. Neben Neugründungen wurde die Weiterentwicklung bestehender Schulen ins Auge gefasst: Aufwachsen einer Grundschule, Erweiterung um eine Grund- oder Oberstufe, Fusion bestehender Schulen verschiedener Schularten. Angesprochen waren alle Schulen. Ein Programmpunkt war auch die Auswertung der Erfahrungen für die Übertragung „in die Fläche“.

Inhaltliche Vorarbeiten gab es einige. Hier sei nur auf zwei hingewiesen: die gemeinsame Grundsatzerklärung „Länger miteinander und voneinander lernen“ (1) von GGG und Grundschulverband aus dem Jahr 2001, die maßgeblich auf Aktivitäten der Berliner Landesverbände zurück ging und der sich in der Initiative „Länger gemeinsam lernen“ etliche Bildungsorganisationen angeschlossen hatten, sowie das Arbeitspapier „Berlin wird skandinavisch schlau – Wege zu einem integrativen Schulsystem in Berlin“ (2) , das von der Linksfraktion des Abgeordnetenhauses im Januar 2006 veröffentlicht wurde. Die Bemühungen um die Gemeinschaftsschule wurden durchaus auch verstanden als eine mittel- bis langfristig angelegte Antwort auf Probleme, wie sie im „Brandbrief“ der Rütli-Schule (3) vom Februar 2006 drastisch thematisiert worden sind. Diese Schule ist dann auch erfolgreich in eine der ersten Gemeinschaftsschulen „aufgegangen“. (4)

Koalitionsvereinbarung 2006

Im Koalitionsvertrag (5) hieß es unter der Überschrift „Zergliederung des Schulsystems zurückfahren – Einstieg in die Gemeinschaftsschule“: „Kinder sollen länger gemeinsam lernen. Wir wollen die soziale Auslese in unserem Bildungssystem und die Abhängigkeit des Bildungserfolges vom sozialen Hintergrund der Kinder überwinden. … [Wir] wollen ... ein Konzept für eine Gemeinschaftsschule bis zur Klasse 10 bzw. bis zum Abitur entwickeln. Deshalb beginnen wir mit einer ‚Pilotphase‘ den schrittweisen Einstieg in eine Gemeinschaftsschule, die sich am skandinavischen Prinzip der ungeteilten Schule orientiert. Gemeinschaftsschulen sind Schulen, in denen alle Schüler und Schülerinnen mindestens bis zum Ende der 10. Klasse gemeinsam lernen und möglichst viele von ihnen gemeinsam das Abitur ablegen.“

In der Pilotphase sollten verschiedene Wege erprobt werden, wie sich Gemeinschaftsschulen meist aus existierenden Schulen verschiedener Schularten entwickeln lassen. Erfahrungen sollten für eine Übertragung in die Fläche gesammelt werden. Dabei stand – der Name „Pilotphase“ sagt es – weniger das „Ob“, eher das „Wie“ im Vordergrund. Die Pilotphase sollte mit einer öffentlichen Debatte begleitet werden und für das Ende der Wahlperiode war eine politische Entscheidung über die weitere Ausgestaltung vorgesehen.

Über die Einrichtung der Pilotphase hinaus war beabsichtigt, integrative Elemente auch im übrigen Schulsystem zu stärken.

Weitere Regelungen für die Pilotphase wurden vereinbart:

  • Einrichtung einer Steuerungsgruppe zur Koordinierung
  • Änderung des Schulgesetzes zur Schaffung von verlässlichen Rahmenbedingungen für die teilnehmenden Schulen
  • Voraussetzungen für die Bewerbung interessierter Schulen: Beschluss der Schulkonferenz, Vorlage eines Entwicklungskonzeptes und die Zustimmung der Schulträgers. Für jeden Bezirk wird (mindestens) eine Gemeinschaftsschule angestrebt.
  • Die Ausstattung der Gemeinschaftsschulen orientiert sich an existierenden Gesamtschulen mit den Klassenstufen 1–12/13 und gebundenem Ganztagsbetrieb.
  • Darüber hinaus sollten die Gemeinschaftsschulen eine zusätzlich personelle und finanzielle Ausstattung als Unterstützung für die Umgestaltung zur Gemeinschaftsschule erhalten.
  • Für die Pilotphase wurde ein wissenschaftliche Begleitung vorgesehen.
  • Für 2008 bis 2011 gibt es einen Förderfond von 22 Mill. €.
Weitere Schritte

Die Steuerungsgruppe (5 hochrangige Mitarbeiter der Senatsverwaltung) wurde eingerichtet, ebenso ein Beirat (22 Mitglieder, darunter Roesner; Domisch, Heyer, Prenzel, Preuss-Lausitz, Riegel, Süssmuth).

Die Tätigkeit der Projektgruppe (3 Schulleitungsvertreter, 7 Mitarbeiter der Senatsverwaltung, 2 Bezirksvertreter) beinhaltete folgende Aufgaben:

  • Erarbeitung der inhaltlichen Grundlagen (6) : Hierfür war es besonders wichtig, dass Erfahrungen von Schulen, die bereits erfolgreich nach ähnlichen Prinzipien arbeiteten, Berücksichtigung fanden. Hier sind besonders zu nennen Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises und Berliner Schulen (insbesondere die Heinrich-von-Stephan-Schule und die Fritz-Karsen-Schule, die mit ihren (ehem.) Schulleitern in der Projektgruppe direkt vertreten waren).
  • Konzipierung eines Fortbildungs-/Qualifizierungskonzeptes für die Unterstützung der Schulentwicklung der teilnehmenden Schulen. Ein fünfköpfiges Qualifizierungsteam wurde zusammengestellt, das seine Arbeit Anfang 2008 aufnahm.
  • Vorbereitung und Begleitung des Vorbereitungs- und Bewerbungsprozesses interessierter Schulen.
  • Entwicklung und Formulierung von Anforderungen an die beabsichtigte wissenschaftliche Begleitung. Die wissenschaftliche Begleitung wurde in einem Ausschreibungsverfahren schließlich einem Team der Uni Hamburg und der Rambøll Management GmbH unter der Leitung von Prof. Johannes Bastian übertragen.

Die Unterstützung der beteiligten Schulen wurde konkretisiert: eine halbe Lehrerstelle und bis zu 7.000 € für Fortbildung pro Schule sowie die Angebote des Qualifizierungsteams und für einige Schulen auch bauliche Veränderungen.

Ende 2006 gründete sich der „Runde Tisch Gemeinschaftsschule Berlin“ (7), eine zivilgesellschaftliche Initiative für alle an der Diskussion und Entwicklung der Gemeinschaftsschule Interessierten. Hier fand in den nächsten Jahren ein reger Gedankenaustausch statt zwischen Schulleitungen und Lehrpersonen an den (künftigen) Gemeinschaftsschulen, Vertretern von Grundschulverband, der GGG und der GEW, Vertretern der Elternschaft, Mitarbeitern der Senatsverwaltung sowie Vertretern der Koalitionsparteien und einfach nur Interessierten.

Rechtliche Grundlagen

Die Schulgesetz-Novellierung vom Januar 2008 verankerte die Pilotphase Gemeinschaftsschule als Schulversuch mit einer Bestandszusicherung. Alle allgemeinbildenden Schulen können Gemeinschaftsschule werden, keine Schulart ist ausgeschlossen, Neugründungen sind möglich.

Die Gemeinschaftsschule wurde definiert als integrierte Schule für alle Schüler mit den Klassenstufen 1 bis 10/13, die alle Bildungsgänge und Abschlüsse umfasst. Weitere obligatorische Kennzeichen: Inklusion (auch und gerade von Schülern mit Beeinträchtigungen), Ganztag, keine Bildungsgangempfehlung am Ende der Grundstufe, damit verbunden keine Probezeit zu Beginn der Sekundarstufe, kein Abschulen, kein Sitzenbleiben, grundsätzlich heterogene Lerngruppen (ohne äußere Fachleistungsdifferenzierung als Organisationsprinzip).

Weitere „öffnende“ Regelungen wurden den Schulen angeboten: Wahl der Individualisierungs- und Differenzierungsformen, keine Beurteilung mit Ziffernnoten bis Anfang Jahrgang 9, Jahrgangsmischung, Freiräume in der Stundentafel und bei der Schaffung von Lernbereichen (Zusammenlegung von Einzelfächern). Für das Praktizieren dieser Elemente reichte jeweils ein Schulkonferenzbeschluss.

Im Rahmen der beabsichtigten Stärkung der integrativen Praxis im Schulsystem erhielten alle Schulen, auch die, die nicht in der Pilotphase mitarbeiteten, das Angebot, jeden erwähnten Baustein zu übernehmen. Davon haben – außer etlichen Gemeinschaftsschulen – in der Folgezeit kaum Schulen der Sekundarstufe I Gebrauch gemacht.

Die ersten Gemeinschaftsschulen

Die ersten Gemeinschaftsschulen sollten mit dem Schuljahr 2008/09 starten.

Das Bewerbungsverfahren der Schulen begann im Mai/Juni 2007 mit einer Interessenbekundung (8): Immerhin zeigten sich 57 Schulen an der Pilotphase Gemeinschaftsschule interessiert – 42 öffentliche Schulen: 18 Grundschulen, 10 Gesamtschulen, 10 Realschulen, 4 Hauptschulen; 15 private Schulen. Einige zunächst „neugierige“ Gymnasien sprangen wieder ab.

Die anschließende Bewerbung mit Entwicklungskonzept, Schulkonferenzbeschluss und Zustimmung des Schulträgers erfolgte bis September 2007. Die Bewerbung einiger Interessenten scheiterte an der Verweigerung der Zustimmung des Schulträgers. Der Bezirk Reinickendorf – CDU-dominiert – war hier besonders „hartnäckig“. Ende November 2007 gingen aus der Bewerbung 11 Standorte (9) hervor, an denen Gemeinschaftsschulen mit Beginn des Schuljahres 2008/09 starteten. Davon sind heute noch 10 Schulen dabei:

  • Neugründung: Wilhelm-von-Humboldt-Schule
  • Schulerweiterungen:
    • Wolfgang-Amadeus-Mozart-Schule, entstanden aus einer Grundschule
    • Heinrich-von-Stephan-Schule, entstanden aus einer kombinierten Haupt- und Realschule
    • Anna-Seghers-Schule, entstanden aus eine Gesamtschule (7–13)
    • B.-Traven-Schule, entstanden aus einer Gesamtschule (7–10)
  • Schulfusionen:
    • Gemeinschaftsschule auf dem Campus Rütli, entstanden aus einer Grundschule, einer Haupt- und einer Realschule
    • Sophie-Brahe-Schule, entstanden aus einer Grundschule und einer Realschule
    • die Theodor-Heuss-Schule, entstanden aus einer Grundschule, einer Gesamtschule (7–10) und (später) einer selbstständigen gymnasialen Oberstufen-Schule
  • Umwandlungen:
    • Fritz-Karsen-Schule, vorher bereits Gesamtschule mit Grund- und Oberstufe
    • Ev. Schule Berlin Mitte/Zentrum: Grundstufenteil ESBM, Sekundarstufenteil ESBZ

Der gesamte Interessenbekundungs- und Auswahlprozess sowie der Start der Schulen am 1. August 2008 fand ein reges mediales Echo.

In den Folgejahren kamen einige weitere Gemeinschaftsschulen hinzu. Die wissenschaftliche Begleitung erbrachte fast sensationell zu nennende, die Erwartungen weit übertreffende Ergebnisse, die jedenfalls deutlich zeigen, dass eine Schule für alle einen signifikanten Beitrag zur Herstellung von mehr Chancengleichheit leisten kann und das ohne Leistungseinbußen. Trotzdem existieren bis heute nur 26 staatliche und einige private Gemeinschaftsschulen. Leider gibt es starke gesellschaftliche Kräfte, die solche Ergebnisse ignorieren und auf einem Schulsystem beharren, das selektiert und segregiert und damit letzten Endes einen Beitrag zum Auseinanderdriften der Gesellschaft leistet. Eingang in die politischen Entscheidungen für die Gestaltung des Schulsystems haben die Ergebnisse der Gemeinschaftsschulen bisher jedenfalls nur rudimentär gefunden. Der gesellschaftliche Diskurs, wie ursprünglich konzipiert, hat bis heute nicht stattgefunden und ist nach wie vor noch einzufordern.

Quellen

(1) Gemeinsame Grundsatzerklärung von GSV und GGG (2001):
https://ggg-web.de/index.php/service/ggg-downloads/category/4?download=24

(2) Linksfraktion im Abgeordnetenhaus: Berlin wird skandinavisch schlau (2006):
https://ggg-web.de/be-service/be-downloads/category/121?download=2837

(3) Rütli-Schule: Schulsituation, 28.2.2006
https://web.archive.org/web/20070927045406/http://www.ruetli-oberschule.de/downloads/iie3.1schulsituation.pdf

(4) L. Sack, C. Heckmann: Gemeinschaftsschule auf dem Campus Rütli Berlin https://ggg-web.de/publikationen/ggg-zeitschrift/2074#l-sack-c-heckmann-gemeinschaftsschule-auf-dem-campus-ruetli-berlin

(5) Koalitionsvertrag Berlin 2006 (Auszug zum Thema Schule):
https://ggg-web.de/be-service/be-downloads/category/121?download=1190

(6) Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung: Grundlagen für die Pilotphase Gemeinschaftsschule (Mai 2007):
https://ggg-web.de/be-service/be-downloads/category/121?download=956

(7) Runder Tisch Gemeinschaftsschule Berlin

Aufruf für eine gemeinsame Schule für alle! (Dez. 2006):
https://ggg-web.de/be-service/be-downloads/category/106?download=1272

Gemeinschaftsschule Berlin – Ziele, Grundsätze und Regelungen
https://ggg-web.de/be-service/be-downloads/category/106?download=958

L. Sack: Gemeinschaftsschule in Berlin, Rede auf der FES-Fachtagung Juni 2007:
https://ggg-web.de/be-service/be-downloads/category/121?download=968

Was der Runde Tisch will! https://ggg-web.de/be-service/be-downloads/category/106?download=960

(8) Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung: Pressemitteilung 43 öffentliche Schulen wollen Gemeinschaftsschule werden (Die PM enthält eine kleine Unstimmigkeit.):
https://ggg-web.de/be-service/be-downloads/category/121?download=2857

(9) Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung: Pressemitteilung über die 11 ersten ausgewählten Gemeinschaftsschulen
https://ggg-web.de/be-service/be-downloads/category/121?download=2838

Artikel aus Die Schule für alle  Heft 2025/3